Mein Pacing hat drei Modi: Alltag, Flare, Crash
Pacing wird von außen oft als Kleinigkeit angesehen. Als sei es so einfach wie beim Laufen: Einer gibt das exakte Tempo vor und man muss sich dem einfach nur noch anpassen.
Nicht nachdenken, einfach machen.
Doch Pacing bei ME/CFS ist eine komplett andere Liga. Vor allem viel komplexer als ‚weniger machen, öfter pausieren und ein bisschen auf sich hören‘. Mit ME/CFS ist Pacing eine tägliche Überlebensstrategie.
Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass mein Pacing eigentlich drei verschiedene Modi kennt: Alltag, Flare und Crash. Jeder von ihnen fühlt sich anders an und verlangt andere Entscheidungen.
Der stabile Modus: mein Alltag in sicheren Grenzen
An stabilen Tagen bewege ich mich im Alltags-Pacing Modus. Das heißt: Ich kenne meine Baseline inzwischen gut genug, um nicht über jede Bewegung nachdenken zu müssen. Ich weiß ungefähr, wie lange ich schreiben kann, wie viel Reiz ich vertrage und wann mein Körper anfängt zu drängeln. Ich kenne meine Warnsignale und daher fühlt sich dieser Modus an wie ein einigermaßen vertrautes Navigieren. Ich weiß, dass ich aufpassen muss, aber ich habe noch Handlungsspielraum.
Der Flare-Modus: gereizt, aber noch handlungsfähig
Und dann gibt es den Flare-Modus. Den habe ich anfangs immer mit einem Crash verwechselt. Jetzt weiß ich: Ein Flare kommt von außen. Wetterwechsel, Luftdruckschwankungen, Hormone, eine miese Nacht, ein Hauch von Infekt. Plötzlich wird alles empfindlicher. Mein Kopf drückt ein bisschen, der Nacken spannt, leichte Übelkeit zieht durch den Körper und trotzdem: Ich funktioniere noch.
Ich kann ohne größere Probleme denken, aufstehen, langsam durch die Wohnung laufen oder etwas Kleines erledigen. Ich merke, dass mein System gereizt ist und anders reagiert als im Alltag. Mein deutlichster Hinweis, dass es noch kein Crash ist: Die Symptome werden durch die leichte Aktivität nicht stärker.
Flare-Pacing ist Erfahrungswissen
Im Flare hilft es mir, ein paar Gänge herunter zu schalten, deutlich weniger aktiv zu sein, weniger zu denken. Es ist für mich eine Vorstufe zum Crash. Eine deutliche Aufforderung meines Körpers jetzt behutsam mit mir umzugehen. Andere hingegen brauchen in einem Flare mehr Rückzug, mehr Schutz, mehr Stille. Und weil wir alle so unterschiedlich reagieren, ist mir wichtig klar zu sagen: Flare-Pacing ist kein offizielles medizinisches Konzept, sondern etwas, das ich durch Erfahrung gelernt habe. Jeder Mensch mit ME/CFS reagiert anders. Sicher bin ich mir nur in einem Punkt: Ein Crash braucht einen völlig anderen Umgang als ein Flare, und mein Körper zeigt mir sehr deutlich, welcher von beiden gerade vor mir steht.
Der Crash-Modus: wenn gar nichts mehr geht
Mein Crash-Modus ist ein anderes Universum. Da geht nichts mehr. Jede Kleinigkeit verschlechtert die Symptome sofort und deutlich. Denken tut weh. Reize schneiden in den Körper. Es gibt keine Debatte darüber, ob ich mich bewegen soll oder nicht, weil sich die Frage erst gar nicht stellt. Ein Crash ist ein Systemabsturz. Mein Crash-Pacing heißt dann auch nur noch: Shutdown. Alle Reize runter, hinlegen, schützen und aushalten. Mehr ist nicht möglich.
Was ich über die Jahre lernen musste: Auch wenn es sich anfühlt, als würde ein Wettersturz oder ein Hormontag mich crashen lassen, passiert im Körper etwas anderes. Das Wetter selbst wirft mich nicht in den Crash, aber es macht mich so empfindlich, dass plötzlich winzige Dinge reichen, um mich über die Schwelle zu schieben. An diesen Tagen füllt sich mein „inneres Glas“ schon, bevor ich überhaupt etwas tue. Und dann reicht ein kleiner Reiz, der sonst problemlos wäre, um alles zum Überlaufen zu bringen.
Was diese Feinwahrnehmung für meinen Alltag bedeutet
Diese drei Modi zu unterscheiden ist für mich essenziell. Wenn ich im Crash so tue, als wäre es ein Flare, überlaste ich mein System. Und wenn ich Alltags-Pacing mit Crash-Pacing verwechsle, beschneide ich mich unnötig.
ME/CFS zwingt mich jeden Tag, neu zu spüren, wo mein Körper steht.
Stabil. Gereizt. Oder kollabiert.
Diese Feinwahrnehmung ist kein Luxus. Sie entscheidet darüber, wie gut ich durch den Alltag komme. Sie ist ein Teil von Selbstschutz.
Und manchmal ist sie auch ein Teil von Selbstrespekt.
Warum ich die drei Modi bewusst benenne
Wenn ich in diesem Beitrag von den drei Pacing-Modi spreche, dann tue ich das bewusst mit dem Hinweis, dass es meine Modi sind. Sie beschreiben mein Erleben. Sie erklären, warum ich an verschiedenen Tagen völlig unterschiedlich mit meinem Körper umgehen muss. Sie sagen nichts darüber aus, wie es bei anderen ist oder wie es laut Studien sein müsste. Diese Unterscheidung ist mir wichtig. Nicht aus Vorsicht, sondern aus Verantwortung. Nur so kann ich klar sagen, was ich weiß, was ich glaube und was ich nur vermute.
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