Nichts gemacht und doch zu viel – Mikrobelastungen bei ME/CFS
Am Ende des Tages liege ich da und bin vollkommen erschöpft. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich die Treppe zum Schlafzimmer schaffen soll. Und sofort ist auch der Gedanke wieder da:
„Ich habe doch gar nichts gemacht?!“
Kein Termin, kein Weg nach draußen, nichts, was ich jetzt, mit ME/CFS, als anstrengend eingeordnet hätte.
Und trotzdem ist mein Akku leer.
Wenn ich dann versuche, den Tag langsam zurückzuverfolgen, zeigen sich mit der Zeit immer mehr kleine Belastungen: Da ist dieses Überlegen am Morgen, was auf den Einkaufszettel für Jürgen muss – ein gedankliches Durchgehen von Möglichkeiten, ein kurzes Abwägen, ein inneres Sortieren. Es wirkt klein. Ist es für sich allein genommen auch. Und im Hintergrund läuft das weiter: überlegen, abgleichen, nichts vergessen.
Später stelle ich meine Medikamente für die kommende Woche. Nichts Kompliziertes, eigentlich eine Routine. Und doch braucht es Aufmerksamkeit. Ein Nachzählen. Ein kurzes Innehalten, ob alles stimmt. Kein großer Kraftaufwand. Aber auch kein Nullpunkt.
Zwischendurch läuft ein Film. Weite Landschaften, dieses Licht, diese Ruhe, und für einen Moment passiert etwas, das sich schwer greifen lässt. Eine Sehnsucht taucht auf. Leise, aber deutlich. Und mit ihr ein Wissen. Dass ich da nicht einfach hinfahren kann. Dass mein Radius ein anderer ist. Es ist nur ein Gedanke.
Und doch bleibt auch er nicht ganz kostenlos.
Dann ist da diese Nachricht auf dem Handy. Nichts Dringendes. Und trotzdem halte ich kurz inne, bevor ich antworte. Suche nach Worten. Merke, dass sie nicht sofort da sind. Ich schreibe. Lösche. Formuliere um. Schreibe neu. Es dauert länger, als es von außen aussieht. Und währenddessen läuft im Hintergrund dieses feine Abwägen: Kann ich noch? Und wenn gleich etwas zurückkommt? Antworte ich doch lieber später?
Und so zieht sich das durch den Tag, nicht als Abfolge von Aufgaben, sondern als etwas, das zwischen den Dingen passiert: ein kleines Zusammenzucken bei einem Geräusch, das früher keine Rolle gespielt hätte. Ein kurzes Anpassen in einem Gespräch. Dieses leise Dranbleiben. Obwohl der Körper längst etwas anderes signalisiert.
Manches davon sind äußere Reize.
Licht. Geräusche. Temperatur. Nicht extrem. Aber konstant ein kleines bisschen zu viel. Anderes spielt sich innen ab: Gedanken, die hängen bleiben, statt einfach weiterzuziehen. Bedürfnisse, die ich wahrnehme, aber nicht sofort beantworten kann. Ein inneres reagieren auf, was gerade ist, auch wenn ich es mir nicht ausgesucht habe. Es ist kein einzelner Moment. Eher ein fortlaufendes Regulieren.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nichts davon ist groß genug, um hervorzustechen – nichts, was ich als Tätigkeit erinnere. Kein Ereignis, kein klarer Auslöser. Nur viele kleine Mikrobelastungen. Kaum sichtbar. Kaum benennbar.
Bis ich wieder da liege und denke:
Ich habe doch gar nichts gemacht.
Und mein Körper gleichzeitig zeigt, dass das nicht ganz stimmt.
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