Alle Emotionen kosten

Alle Emotionen kosten
Photo by Joanne Glaudemans / Unsplash

„Das habe ich lange nicht verstanden. Daraus solltest Du mal einen Post machen, damit andere Angehörige es auch verstehen können.“

Als mein Mann das sagte, lag bereits ein langer Weg hinter uns. Viele Gespräche.
Viele Versuche, Worte zu finden für etwas, das sich kaum greifen lässt. Und nicht selten Tränen. Nicht aus einem einzelnen Anlass heraus, sondern aus dieser eigentümlichen Mischung aus Erschöpfung, Verletzung und dem Gefühl immer wieder aneinander vorbeizureden, obwohl beide verstehen wollen.

Gerade diese Momente haben jene bleierne Erschöpfung hinterlassen – weniger vom Sprechen selbst, sondern von dem Versuch, etwas Inneres verständlich zu machen, das sich kaum vermitteln lässt. Wir hatten uns immer wieder um ähnliche Fragen bewegt. Um Freude. Um Belastung. Um das scheinbare Paradox, dass selbst schöne Dinge meinen Körper an Grenzen bringen können.

Ausgerechnet ein Gespräch über das Lachen brachte schließlich diese stille Verschiebung. Für ihn war da Freude darüber, etwas verstanden zu haben. Für mich vor allem die ruhige Gewissheit, endlich nicht mehr erklären zu müssen. Denn das eigentliche Missverständnis liegt tiefer. Es betrifft nicht einzelne Situationen. Nicht das Lachen. Nicht die Freude. Sondern die Art, wie mein Körper auf Emotionen reagiert.

Emotionen waren für mich früher einfach da. Angst, Freude, Ärger, Traurigkeit. Sie gehörten zum Leben, manchmal intensiv, manchmal flüchtig. Sie konnten bewegen, aufwühlen, erleichtern, aber sie stellten nie grundsätzlich meine verfügbare Kraft infrage.

Heute fühlt sich das anders an.

Nicht, weil meine Gefühle verschwunden wären. Sondern weil jeder innere Ausschlag vom Körper mitgetragen werden muss. Freude ist nicht nur leicht. Traurigkeit ist nicht nur ein innerer Prozess. Lachen ist nicht nur schön. Jede Regung verändert etwas. Jede Regung braucht etwas. Und dieses „Etwas“ ist nicht selbstverständlich vorhanden. Das macht sich in meinem Alltag immer deutlicher bemerkbar, je weiter ME/CFS voranschreitet. Es gibt aber auch diese seltenen Momente, in denen ich für ein paar Momente vergesse, dass ich krank bin.

Einer davon passiert beim Lachen.

Eine Comedy-Sendung, ein wirklich lustiger Moment, etwas, das mich ehrlich zum Lachen bringt - eigentlich etwas Leichtes, etwas, das doch guttun müsste. Und für einen Augenblick tut es das auch. Es ist ja nicht so, dass mir die Freude fehlt. Doch nach wenigen Minuten wird das Lachen anstrengend, die Muskeln in Armen, Beinen und Bauch weich wie Wackelpudding. Ich muss ausschalten. Nicht weil es nicht lustig wäre. Sondern weil es zu viel kostet und ich sonst später den Preis dafür bezahlen müsste.

Dass Trauer erschöpfen kann, versteht jeder. Dass Angst Kraft kostet, ebenso. Dass Wut anstrengend ist, steht außer Frage. Dass aber selbst Freude und Lachen meinem Körper ähnlich viel Energie abverlangen können, wirkt für mich immer noch oft befremdlich. Was von außen wie Kleinigkeiten wirkt, wie ein Hauch von Normalität, ist für meinen Körper ein spürbarer Energieeinsatz. Selbst Freude ist bei ME/CFS kein kostenloser Zustand. Sie braucht Ressourcen, die nur sehr begrenzt vorhanden sind.

Vielleicht ist das eine der schwersten Perspektiven dieser Erkrankung: Dass mein Körper nicht mehr zwischen angenehmen und belastenden Emotionen unterscheidet, sondern nur noch zwischen inneren Zuständen, die Kraft erfordern - und solchen, die sie nicht erfordern.

Und dass alle Emotionen ihren Preis haben. Auch jene, die von außen so leicht wirken.

Du möchtest den Beitrag kommentieren?
Die Kommentarfunktion ist im Mitgliederbereich freigeschaltet.

Über „Subscribe“ kannst Du Dich registrieren und bekommst eine Nachricht bei neuen Posts.
Mit „Sign in“ meldest Du Dich an, um zu kommentieren oder zu liken.

Ich freue mich über Deine Gedanken zum Beitrag.

Vielleicht interessieren Dich auch diese Beiträge:

Die fünf Ebenen des Pacings

Immer wieder etwas Neues: rollingPEM

Gefühle lieber unter Kontrolle

Wenn besser sich nicht leicht anfühlt