Für viele ein Duft – für mich eine Belastung
Wir haben uns auf einen kurzen Kaffee verabredet, für maximal 15 Minuten – mehr geht für mich gerade nicht.
Ich habe mich darauf vorbereitet. Habe meine Energie eingeteilt, vorher geruht, alles so gelegt, dass dieser kurze Besuch möglich wird.
Es klingelt.
Ich öffne die Tür.
Und noch bevor wir uns richtig begrüßen, ist er da: der Geruch. Parfum, das sich nicht einfach im Raum hält, sondern sich in Sekunden überall ausbreitet. Im gleichen Moment schießt mir durch den Kopf, dass ich nicht nur hätte sagen sollen, sie möge bitte nur kommen, wenn sie gesund und keine Erkältung im Anflug ist - sondern auch: ohne Parfum. Ohne stark riechende Pflegeprodukte wie Deo, Lotion oder Haarspray.
Für sie ist es wahrscheinlich einfach ein Duft, den sie liebt.
Für mich ist es der Moment, in dem ich anfange zu rechnen.
Wie lange?
Fünf Minuten. Vielleicht zehn, bevor mir übel wird, mir schwindelig wird und die Kopfschmerzen los gehen. Bevor ich an den Punkt komme, an dem ich mich zurückziehen muss. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich es am liebsten schon jetzt, noch hier an der Haustür, beenden würde.
Die vereinbarten fünfzehn Minuten halte ich ein.
Aus Höflichkeit.
Und bezahle dafür in den Tagen danach.
Denn selbst wenn sie längst wieder gegangen ist, bleibt etwas zurück. Der Geruch hängt noch in der Wohnung, in Textilien, in der Luft, manchmal noch Tage später wahrnehmbar.
Auch in meinem Körper.
Die Übelkeit klingt nicht einfach ab, die Kopfschmerzen auch nicht.
Was für andere ein kurzer Besuch war, wird für mich zu einer Belastung, die nachwirkt – über Stunden, manchmal Tage hinweg. Zeit, in der weniger möglich ist, in der ich weniger aushalte, weniger teilnehmen kann.
Für viele ist Parfum etwas Angenehmes, ein Duft, der gepflegt wirkt, vielleicht sogar Teil der eigenen Persönlichkeit ist.
Für mich ist es weder angenehm noch einfach ein Duft, sondern ein starker Reiz, den mein Körper nicht einordnen und ausblenden kann, sondern auf den er unmittelbar reagiert.
Nicht, weil ich ihn nicht mag. Sondern weil mein System darauf reagiert.
Was dabei passiert, ist von außen kaum sichtbar und genau deshalb so schwer zu verstehen. Es geht nicht um Vorlieben, nicht darum, einfach nur ein bisschen empfindlich zu sein, und auch nicht darum, anderen etwas verbieten zu wollen.
Es geht darum, dass ein kurzer Besuch für mich Folgen haben kann, die weit über diesen Moment hinausgehen. Dass ich Zeit verliere, Belastbarkeit und Stabilität verliere und manchmal auch die Möglichkeit, für eine gewisse Zeit überhaupt an etwas teilzunehmen. Und dass all die Vorbereitung – das Pacing, das Einteilen meiner Kräfte – an dieser Stelle nicht greift.
Weil sich nicht alles planen lässt.
Weil ein einzelner Reiz ausreicht, um das Gleichgewicht zu verschieben.
Das Schwierige daran ist: Viele wissen das nicht. Und selbst wenn ich es sage, fühlt es sich für andere oft unverhältnismäßig an.
„So schlimm kann ein bisschen Parfum doch nicht sein.“
Doch. Für mich ist es das.
Und wahrscheinlich nicht nur für mich.
Was helfen würde, ist eigentlich schlicht: vorher fragen oder einfach duftfrei kommen. Kein Parfum, kein Rasierwasser, kein stark riechendes Deo, keine intensiv parfümierten Pflegeprodukte. Nicht aus Rücksicht im Sinne von „nett gemeint“, sondern weil es für mich einen echten Unterschied macht.
Weil es darüber entscheiden kann, ob ich die vereinbarten fünfzehn Minuten wirklich erlebe oder ob ich sie nur aushalte.
Ob ich unwillentlich über meine Grenze geschoben werde oder den Besuch ohne Folgen genießen kann.
Ich möchte nicht weniger teilnehmen.
Ich möchte mehr teilnehmen können.
Und manchmal hängt genau das an etwas, das für andere einfach nur ein Duft ist.
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