Langeweile trifft es nicht

Langeweile trifft es nicht

„Wie hältst Du diese Langeweile nur aus?“

So oft habe ich diesen Satz schon gehört. Und ich kann ihn verstehen. Denn ich weiß noch genau wie das war, als ich mit einem Hörsturz 5 Wochen zu Hause bleiben und mich schonen musste. Ich sollte auf der Couch oder dem Gartenstuhl liegen und einfach nichts tun. Das war schrecklich langweilig, denn ich fühlte mich ja nicht wirklich krank, sondern eher kribbelig. Ich wusste einfach nichts mit mir anzufangen und jeder Tag hat sich gedehnt wie Kaugummi. 

Doch mit MECFS ist es anders. Ich kann das Haus seit Jahren nur noch ganz selten verlassen. Auch mein Körper ist in einem ganz anderen Zustand. Er reagiert empfindlich auf jeden Reiz. Meine Energie ist jeden Tag schon nach dem Aufstehen fast komplett verbraucht.

Jede Aktivität, jede Emotion, jeder Gedanke muss sorgfältig abgewogen werden. Und um überhaupt bis zum Abend "durchzuhalten" brauche ich zwischen all dem Pausen. Mal 10 Minuten, mal Stunden, je nachdem wie anstrengend es war. 

Pausen in denen ich mir nur eines wünsche: Rückzug. Denn anders als damals sehne ich mich heute nach Ruhe. Nichts wahrnehmen, nichts tun, nichts denken müssen. Das Nervensystem wieder beruhigen, warten, bis sich alles weniger empfindlich anfühlt. 

Es ist ein Gefühl, was ich vorher nicht kannte, das etwas von einem Bleimantel hat, der mich danach sehnen lässt, mich JETZT auf der Stelle hinzulegen und zu schlafen. Ein Gefühl der Erleichterung, wenn niemand mehr spricht – und auch ich nicht mehr sprechen muss. Weil die Worte zwar in Gedanken da sind, es aber auf einmal unfassbar anstrengend ist sie auszusprechen.

Dann liege ich nicht im Bett oder auf dem Sessel und denke "Was könnte ich jetzt machen?".
Sondern eher: "Was lasse ich jetzt besser sein?"

Und vielleicht liegt genau hier das Missverständnis.

Von außen betrachtet, sieht man einen Menschen, der viel liegt, der nur zu Hause ist. Von innen fühlt es sich an wie ständiges Eingehen darauf, was mein Körper mir gerade zurückmeldet. Wie ein Austarieren dessen, was gerade noch möglich ist.

Und das hat mit Langeweile so gar nichts zu tun.

Wenn ich ehrlich bin, überrascht es mich aber nicht wirklich, wenn Menschen in meinem Umfeld das nicht verstehen. Vor ME/CFS hätte ich es auch nicht verstehen können.

Und dennoch verletzt es mich ein wenig.
Denn ich werde gefragt, wie ich Langeweile aushalte.
Aber nie, wie ich ME/CFS aushalte.

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