Wenn der Partner plötzlich krank wird

Wenn der Partner plötzlich krank wird

Ich blicke in Jürgens blasses Gesicht und sehe sofort, wie schlecht es ihm geht.

Unser Sohn hat ihn vorhin von einem Geschäftstermin abgeholt, weil er sich mehrfach übergeben hatte. Jetzt liegt er im Bett. Seine Haut ist heiß. Ich mache mir Sorgen um ihn und blende meine eigene Situation komplett aus.

Ich funktioniere.

Ich bringe ihm einen Eimer, etwas zu trinken und seine Medikamente. Messe Fieber und Blutdruck. Halte seine Hand. Frage, ob er noch etwas braucht.

Mir fällt gar nicht auf, dass ich die Treppe mehrmals hoch und runter laufe, um alles zu ihm zu bringen. Es fühlt sich an, als würde ich einen Film anschauen. Irgendwo im Hinterkopf weiß ich, dass ich gerade nur mit Adrenalin funktioniere und die letzten Reserven mobilisiere. So wie Menschen in einer Notsituation plötzlich Kräfte entwickeln, die sie sonst nie hätten.

Ich weiß auch, dass ich gerade Energie auf Pump verbrauche. Die Rechnung dafür wird nicht lange auf sich warten lassen. Und bei ME/CFS sind die Zinsen verdammt hoch.

Schon am selben Abend merke ich, das ich auf Geräusche und Licht viel empfindlicher reagiere. Es war heiß heute, im Raum sind es noch immer 26 Grad. Ich habe das Gefühl zu ersticken, wenn ich das Fenster nicht öffne. Aber draußen macht die Nachbarin einen Videocall und man hat den Eindruck sie wolle mit ihrer Lautstärke die Distanz zu ihrem Gesprächspartner überwinden. Das Kind spielt fröhlich singend im Garten herum. Ich merke, wie Zorn in mir hochsteigt. Muss das um 22 Uhr sein? Ich zittere am ganzen Körper. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und ich knalle wütend das Fenster zu.

Es dauert lange bis ich einschlafen kann, bis die Emotionen sich beruhigen. Die Kopfschmerzen breiten sich schon aus.

Am nächsten Tag liege ich im Crash.

Habe ich mein Pacing vergessen? Nein. Es gibt Situationen, in denen wägt man nicht mehr ab. Wenn der Mensch, der einen sonst trägt, plötzlich selbst Hilfe braucht, tritt alles andere für einen Moment in den Hintergrund.

Erst als das Adrenalin nachlässt, frage ich mich, warum ich nicht auf den Gedanken gekommen bin, unseren Sohn zu bitten, noch zu bleiben. Wahrscheinlich weil er gerade über 100 Kilometer gefahren war, mit Lisa und den hungrigen Kindern im Auto. Vielleicht wollte ich ihn deshalb nicht noch mehr belasten. Kopfschüttelnd denke ich daran, wie erschreckend schnell ich im Funktionieren-Modus war.

Und wie schnell es ins Gegenteil umgeschlagen ist. Denn im Crash war ich wieder auf Unterstützung angewiesen. Unterstützung, die Jürgen mir in diesem Moment eigentlich noch gar nicht wieder geben konnte. Er hatte sich noch nicht vollständig erholt. Trotzdem hat er die Zähne zusammen gebissen und funktioniert. Genau wie ich vorher.

Vielleicht ist genau das das Dilemma, wenn pflegende Angehörige krank werden. Fällt der Mensch aus, der den Alltag trägt, gerät das ganze System ins Wanken.

Seit ich ME/CFS habe, hängt unglaublich viel an Jürgen. Er übernimmt Einkäufe, kocht, fährt mich zu Terminen, erledigt Organisatorisches und unterstützt mich bei vielen kleinen Dingen, die für andere selbstverständlich sind und für mich zu viel Energie kosten würden. Dass er all das übernimmt, ist uns jeden einzelnen Tag bewusst.

Für ein oder zwei Tage scheint sich vieles irgendwie auffangen zu lassen. Mit Adrenalin. Mit letzter Kraft. Bis der Körper seinen Preis fordert.

Aber was wäre, wenn es nicht bei ein oder zwei Tagen bliebe? Wenn er sich etwas brechen würde. Eine Operation bräuchte. Oder selbst wochenlang Unterstützung benötigen würde?

Was dann? Sind wir dann auf einen Pflegedienst angewiesen, der von ME/CFS noch nie etwas gehört hat? So wie es oft vorkommt? Oder müssen wir Familienangehörige belasten, die selbst krank sind? Dieser Gedanke löst keine keine Panik aus. Aber er beschäftigt mich.

Wir sprechen oft darüber, wie belastend es für Angehörige ist, einen Menschen mit ME/CFS zu begleiten. Viel seltener sprechen wir darüber, was passiert, wenn diese Angehörigen selbst krank werden.

Wer versorgt uns dann?

Ich weiß es nicht.

Ich hoffe nur, dass wir diese Frage noch lange nicht beantworten müssen.


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