Zwischen Blicken und Grenzen

Zwischen Blicken und Grenzen
Photo by Kristine Wook / Unsplash

„Brauchst Du den Rollstuhl wirklich? Es sind doch nur ein paar Schritte bis zum Eingang.“

Ich überlege.

Ich kann laufen. Auch mit ME/CFS.
Die Strecke wäre auch machbar. Zumindest jetzt, vor dem Arzttermin. Ein paar Schritte über den Parkplatz, durch die Tür, vielleicht noch bis zum Empfang. Es ist nicht so, dass sich mein Körper an dieser Stelle verweigern würde. Er gibt mir diese Möglichkeit – zumindest für den Moment.

Und gleichzeitig rechne ich.

Weniger Schritte würden Energie sparen. Ich müsste weder stehen noch aufstehen, wenn ich aufgerufen werde. Vor allem aber ist es im Sitzen deutlich weniger anstrengend, wenn alles lauter, heller und unruhiger wird. Es sind eben nicht nur Bewegungen, die Energie kosten, sondern auch Reize.

Und ich weiß, was passieren kann, während ich – von außen betrachtet – einfach nur zwischen den anderen Patienten sitze. Dann spüre ich förmlich, wie die Kraft aus meinen Muskeln herauszufließen scheint, wie sich in mir langsam etwas zusammenzieht, als würde jemand einen Schalter dimmen. Meine Gedanken werden langsamer, brüchiger, und dieser dumpfe Druck entsteht, der sich später zu Kopfschmerzen entwickeln kann. Jedes Geräusch scheint plötzlich doppelt und dreifach so laut, das Licht viel heller.

Nichts davon ist sofort dramatisch.
Aber alles davon kostet – mit jeder Minute mehr.

Ich atme tief durch und entscheide mich für den Rollstuhl. Und im ersten Moment fühlt sich die Entscheidung auch richtig gut an. Doch noch bevor mich mein Mann Richtung Aufzug schiebt, ist er wieder da – dieser Gedanke. Erst leise, fast unauffällig, aber doch schon sehr klar. Und je länger ich im Rollstuhl sitze, desto präsenter wird er.

Übertreibe ich gerade?

Im Gegensatz zu anderen kann ich doch laufen. Da ist kein klar formulierter Vorwurf, eher ein inneres Infragestellen. So als müsste ich mich schon rechtfertigen, bevor mich jemand überhaupt angeklagt hat. Es fühlt sich ein bisschen an, wie Hochstapelei.  

Denn ich habe gemerkt: Wenn ich im Rollstuhl sitze, verschiebt sich etwas. Ich werde anders gelesen. Das Kranksein ist plötzlich eindeutiger und weniger erklärungsbedürftig. Ohne ihn bleibt mehr bei mir: Ich muss viel mehr darum kämpfen, dass mein Zustand als das gesehen wird, was er mit ME/CFS ist.

Im Wartezimmer sitze ich im Rollstuhl und spüre beides gleichzeitig. Eine gewisse Ruhe, weil ich Energie spare und versuche, den Preis so gering wie möglich zu halten. Und dieses feine Unbehagen, weil ich weiß, dass ich aufstehen kann – zum Beispiel, wenn ich zur Toilette gehe.

Und mit den Blicken kommt sofort diese Verschiebung. Als würde ich mich selbst infrage stellen, in dem Moment, in dem ich mich bewege. Nicht unbedingt, weil jemand etwas sagt, sondern weil etwas in diesen Blicken liegt, das ich zu gut kenne.

Als würde ich ertappt. Obwohl ich genau weiß, dass ich nichts vortäusche.

Denn ich kann laufen. Aber ich kann mir das Laufen nicht immer leisten.

Natürlich gibt es auch diese Tage, an denen ich den Rollstuhl wirklich brauche, weil die Energie von Anfang an fehlt. Aber hier geht es um etwas anderes: um dieses Dazwischen. Um Tage, an denen etwas möglich ist. An denen der Schutz trotzdem notwendig ist, weil ich die Konsequenzen kenne - und versuche, ihnen zuvorzukommen.

Der Rollstuhl macht diese Zwischenzone sichtbar. Aber er erklärt sie nicht. Er zeigt eine Entscheidung, die ich getroffen habe - nicht das, was dahinter liegt. Und so bleibt ein Rest Unsicherheit – für andere, aber auch für mich.

Manchmal fühlt es sich sogar so an, als würde ich in eine Rolle schlüpfen, sobald ich mich hineinsetze. Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie klarer und eindeutiger wirkt als das, was ich in diesem Moment innerlich erlebe.

Im Rollstuhl bin ich eindeutig krank.
Außerhalb davon bin ich angreifbarer – auch für meine eigenen Zweifel.

Vielleicht ist genau das der schwierigste Punkt:
Dass sich richtige Entscheidungen nicht immer richtig anfühlen. Dass Schutz sich wie Übertreibung anfühlen kann und nach außen anders wirkt, als er sich innen anfühlt.

Ich entscheide mich nicht, weil ich nicht kann.
Ich entscheide mich, weil ich weiß, was es kostet.

Und weil ich die Blicke der anderen nicht über meinen Schutz stelle –
auch dann nicht, wenn ein Teil von mir noch fragt, ob ich übertreibe.

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