Wüstenblüten

Wüstenblüten
Filigrane Wüstenlilie in weiter karger Wüstenlandschaft.

Über das, was selbst in einer Wüste blühen kann.

Wir sitzen noch eine Weile auf dem Sofa. Eng aneinander gekuschelt. Das Gespräch ist längst vorbei, aber keiner von uns hat es eilig aufzustehen. Wir sagen nichts mehr. Spüren einfach nur die Wärme des anderen.

Das war eines der ehrlichsten und tiefsten Gespräche, das ich je mit Jürgen geführt habe. Früher hatte ich nicht den Mut dazu. Ich wollte immer stark sein. Gefühle zu zeigen hätte mich verletzlich gemacht.
Vieles von dem, was wir vorhin ausgesprochen haben, hätte ich früher wahrscheinlich für mich behalten.

Nicht, weil diese Momente nicht existiert hätten. Sondern weil mein Leben voll, schnell und laut war. Vieles lief einfach nebenbei.

Dann kam ME/CFS.

Eine Krankheit, die mir mehr genommen hat, als ich je für möglich gehalten hätte. Energie. Selbstverständlichkeit. Bewegungsfreiheit, Pläne, mehr und mehr Eigenständigkeit. Wenn ich könnte, würde ich sie lieber heute als morgen wieder aus meinem Leben streichen.

Und trotzdem hat sich in all dem auch etwas verändert. Ich habe mich verändert.

Die Gespräche sind ehrlicher geworden. Vielleicht, weil das Leben plötzlich verletzlicher ist. Vielleicht auch, weil es mir heute viel wichtiger ist, dass mein Mann mich und meine Gedanken versteht.

Ich hätte früher nie so um Hilfe bitten können. Heute muss ich es immer öfter. Und ich erlebe, dass mein Mann einfach da ist. Dass er bleibt. Dass wir gemeinsam durch diese Landschaft gehen, auch wenn sie verdammt rau geworden ist.

Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wir sind seit 26 Jahren ein Paar. Und ich finde es etwas sehr Besonderes, dass unsere Gespräche durch die Krankheit nicht verstummt, sondern tiefer geworden sind. Vielleicht, weil ME/CFS jenseits von allem ist, was man sich wirklich vorstellen kann.

Dass wir trotzdem Worte dafür finden. Dass wir uns darin begegnen können. Und dass er bleibt – auch dann, wenn „dableiben“ manchmal ganz wörtlich bedeutet zu helfen, zu tragen, zu pflegen.

Auch mein Körper ist mir fremd geworden – und gleichzeitig vertrauter.
Früher hat er einfach funktioniert. Ich habe ihn kaum beachtet – geschweige denn gelobt. Heute spricht er mit mir. Oft leise, manchmal sehr deutlich.
Ich spüre seine Signale früher, seine Grenzen, seine kleinen Warnzeichen.

Vielleicht ist das eine andere Form von genauem Hinsehen.

Und auch in meinem Freundeskreis hat sich manches sortiert. Einige Menschen konnten mit dieser Krankheit nicht umgehen. Andere sind geblieben. Still vielleicht, manchmal unsicher – aber sie sind da.

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Bloggerin werde. Dass es mir gelingt, ein unsichtbares Leben so in Worte zu fassen, dass es draußen besser verstanden wird. Dass mir eine Krankheit in all ihrer Brutalität auch ein Stück Selbstwirksamkeit schenken kann.

Einige dieser Dinge gab es vielleicht schon vorher.

Aber im schnellen Leben habe ich sie wahrscheinlich übersehen. Überhört. Nicht beachtet. Zwischen all den Terminen, den Plänen und diesem Gefühl, dass alles selbstverständlich ist.

Die kleinen Dinge in der Wüste

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommen mir diese Pflanzen in den Sinn, die irgendwo in der Wüste wachsen. Lange sieht man nur ein paar grüne Stängel im weiten Sand. Unspektakulär, leicht zu übersehen.

Und irgendwann, fast unbemerkt, eine Blüte.

Nicht, weil die Wüste plötzlich ein freundlicher Ort geworden wäre. Sondern weil Leben manchmal auch dort Wege findet.

Ich würde diese Krankheit jederzeit zurückgeben, wenn ich könnte. Aber einige Dinge, die sie sichtbar gemacht hat, möchte ich heute nicht mehr missen.

Die Gespräche.
Die Ehrlichkeit.
Das feine Gespür für meinen Körper.
Mein Schreiben.
Und die Menschen, die geblieben sind.

 Vielleicht sind das meine kleinen Wüstenblüten.

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