Trauer ohne Grab
„Wir sollten an Ihrem Umgang mit Trauer arbeiten. Der Trauer um den Menschen, der Sie vor MECFS waren.“
Ein Freund erzählte mir von der ersten Begegnung mit seiner Psychologin. Ich hörte diesen Satz und mir stiegen Tränen in die Augen. Und im gleichen Moment wurde mir bewusst, wie sehr ich mir wünsche, dass jemand genau so einen Satz zu mir sagt. Dass ich sogar ein bisschen neidisch bin. Nicht auf die Psychologin. Sondern auf dieses unmittelbare Verstandenwerden. Dass da jemand ist, der mich ohne viele Worte versteht.
Denn dieser Satz hat etwas benannt, wofür ich selber lange keine Worte hatte. Und ich glaube, erst jetzt, mit einigen Wochen Abstand, verstehe ich, was dieser Satz eigentlich in mir ausgelöst hat.
Natürlich war ich schon vorher traurig. Ich war traurig über all das, was nicht mehr geht, über all die Dinge, die ich nicht mehr machen kann, über Pläne, die sich vielleicht nie verwirklichen lassen. Über den Verlust meiner Selbstständigkeit. Ich vermisse mein früheres Leben jeden Tag.
Und plötzlich wurde mir etwas bewusst: Ich habe mit ME/CFS nicht nur etwas verloren. Ich habe auch jemanden verloren.
Mich selbst, wie ich einmal war.
Und erst als ich das begriffen hatte, war da nicht nur die Traurigkeit über das, was ich nicht mehr tun kann. Da war auch die Erlaubnis, um die Frau zu trauern, die ich einmal war.
Und plötzlich sehe ich sie wieder vor mir: die Tanja, die Pläne hatte, die ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin fast abgeschlossen hatte. Die sich schon einen Behandlungsraum eingerichtet und Weiterbildungskurse in Akupunktur und Cranio Sakral Therapie belegt hatte.
Da ist die Tanja, die so gerne mit Jürgen gereist ist. Die sogar vorhatte, mit ihm nach Spanien auszuwandern.
Da ist die Oma Tanja, die es genossen hat, für ihren Enkel da zu sein, mit ihm zu spielen, zu toben und zu kuscheln. Die sich wünscht, das auch mit ihrer Enkelin zu haben, die erst nach dem Ausbruch der Krankheit geboren wurde.
Da ist Jürgens Frau, die für ihn da sein konnte, die ihn auffangen konnte, wenn er schwach war, die ihm Partnerin und Geliebte war statt Patientin.
Die Tanja, die mitten im Leben stand, die eigenständig war statt hilflos. Die voller Power war und nicht erschöpft, empfindsam und von Schmerzen geplagt, weil sie nur ein paar Minuten zu lange telefoniert hatte. Eine Frau, die ohne Wenn und Aber für ihren Hund sorgen konnte, statt ihn schweren Herzens abgeben zu müssen.
Da ist die Freundin, die ihren Mädelsabend genießen konnte, die zum Geburtstag der besten Freundin mit einem Kuchen auftauchte und bis in die Nacht mitfeierte.
Wenn ich an diesen Satz zurückdenke, sind all diese früheren Tanjas wieder da. Und ich weiß, dass sie gesehen werden wollen. Ich weiß aber auch, was Emotionen mit mir machen. Wie viel der wenigen Energie sie kosten.
Denn die Trauer arbeitet in mir. Sie ist – zumindest im Moment – keine Krise, die vergeht und irgendwann vergessen werden kann. Und da ist auch noch kein „Danach“. Vielleicht wird es das auch nie geben.
Da ist nur ein Vorher und ein Jetzt.
All diese früheren Tanjas sind noch irgendwo in mir. Ich kann mich an sie erinnern, aber es tut verdammt weh, hinzuschauen.
Ich muss sie dort lassen, wo sie sind.
Bis zum nächsten Mal, wenn die Trauer kommt – und ich sie nur kurz anschauen darf.
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