Zwischen Hoffnung, Angst und Adrenalin – Pflegegrad beantragen mit ME/CFS – (2)

Zwischen Hoffnung, Angst und Adrenalin – Pflegegrad beantragen mit ME/CFS – (2)
Bild: Thirdman auf Pexels

Und dann war er da, der Tag der Begutachtung. Seitdem das Schreiben vom medizinischen Dienst mit der Terminankündigung in der Post war, fühlte ich mich wie vor einer Prüfung. Unruhe, Herzrasen, Übelkeit und zudem flutete mich mein Körper mit Adrenalin. Das waren einige stressige Tage. Schlimm waren auch die Gedanken, die permanent durch meinen Kopf schwirrten: Was ist, wenn ich etwas falsch mache oder sage? Dass ich liegend begutachtet werden möchte, hatte ich ja schon im Antrag erwähnt. Aber was ist, wenn die Gutachterin denkt, ich würde nur so tun?

Es war so viel Angst in mir, dass mich diese zusammen mit der Adrenalinflut und dem noch schlechteren Schlaf mitten in einen Crash katapultierte. Schon beim Aufwachen fühlte ich diese bleierne Erschöpfung, mein Kopf hämmerte, Muskeln und Gelenke brannten. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden.

Als ich die Gutachterin vor der Haustür hörte, fing mein Puls an zu rasen. Jürgen empfing sie an der Haustür und konnte dank der Vollmacht einen Großteil des Gesprächs übernehmen, bevor sie zu mir ins Zimmer kam. Sie sprach sehr laut, trotzdem Jürgen sie mehrfach bat, die Stimme zu dämpfen. Die Wartezeit verbrachte ich am ganzen Körper zitternd und mit wild klopfendem Herzen. Der Kopf drohte mir zu platzen, so fühlte es sich zumindest an.  

Und je länger ich wartete, desto voller wurde meine Blase. Kann ich es aushalten, bis sie wieder weg ist? Wenn ich Jürgen jetzt rufe, damit er mir hilft: Was, wenn sie alles sehen will und mitkommt ins Bad? Ich kann vor fremden Menschen nicht pinkeln!

Irgendwann ging es nicht mehr und ich musste. Jetzt. Aber Jürgen kam alleine. Gottseidank. Danach konnte ich noch ein paar Minuten verschnaufen, bis er kurz darauf mit der Gutachterin zu mir ins Zimmer kam. Noch bevor sie etwas sagte, nahm ich schon ihr Parfüm wahr. Sofort verstärkten sich Übelkeit und Kopfschmerzen noch einmal deutlich. Tränen stiegen mir in die Augen.

Wofür hatten wir all die Dokumente vorbereitet? Die Hinweise – vor allem, dass sie duftfrei kommen muss – wurden einfach ignoriert.

Noch belastender waren für mich ihre laute Stimme und der barsche Ton, mit dem sie mich aufforderte aufzustehen und ein paar Schritte zu laufen. Sie müsse meine Gehfähigkeit beurteilen, dafür sei sie schließlich hier. Mir machte ihr Auftreten Angst und meine Gedanken begannen zu rasen. Ich war doch gerade erst auf Toilette gewesen und total erschöpft. Aber wenn ich mich jetzt weigere, wird mir das bestimmt zum Nachteil ausgelegt. Ich weiß nicht, wie ich jetzt aufstehen soll, ich kann einfach nicht. Muss ich das wirklich tun?

Noch bevor die Gedanken zu Ende gedacht waren, hörte ich mich sagen, dass ich vom vorangegangenen Toilettengang zu erschöpft bin und keine Kraft mehr habe. Ich musste mich doch schützen! Sie schaute mich über ihrer Maske stirnrunzelnd an und wiederholte ihre Forderung. Noch einmal sagte ich ihr, dass ich das jetzt beim besten Willen nicht kann. „Die Patientin verweigerte die Mitarbeit“ – dieser Satz ploppte plötzlich auf und drehte sich wieder und wieder in meinem Kopf. Aber sie sagte nur, sie wolle mich ja nicht belasten. Hoffentlich meinte sie das auch so.

Danach wollte die Gutachterin nur noch wissen, wie es mir geht und diese Antwort fiel mir nicht schwer. Ich sagte ihr, dass ich erschöpft, nervös und unruhig sei wegen ihres Besuchs und dass ich starke Kopfschmerzen hätte. Danach wünschte sie mir, dass es mir bald besser gehe und Jürgen „viel Kraft“.

Mein Crash hielt noch einige Tage an, denn der Parfum-Geruch hing vor allem in meinem Zimmer schwer und drückend in der Luft. Trotz 32 Grad Außentemperatur blieb nichts übrig, als das ganze Haus ein paar Stunden zu lüften. Wobei sich die Räume natürlich sehr aufheizten. Das Sonnenlicht und die Geräusche von draußen taten trotz Ohren- und Augenschutz ihr übriges. Da half auch das Klimagerät in meinem Zimmer nicht allzu viel.

Im Nachhinein haben wir oft darüber gesprochen, warum Jürgen der Gutachterin trotz des Parfüms nicht den Zutritt verweigert hat. Eigentlich hatten wir genau das vorher besprochen. Doch auch für ihn war die Situation eine enorme Stressbelastung. Er nahm den Geruch zunächst auch gar nicht bewusst wahr, da sein Gespräch mit ihr im Garten stattfand. Ihm wurde erst beim Betreten meines Zimmers klar, dass die Gutachterin Parfüm trug.

Und damit stand er vor einer Entscheidung: den Termin jetzt abbrechen und auf einen neuen warten – mit all der erneuten Anspannung und Ungewissheit – oder die Begutachtung trotz der zusätzlichen Belastung bis zum Ende durchführen. Er entschied sich in diesem Moment für Letzteres. Ob es die richtige Entscheidung war, kann ich nicht sagen. Aber heute weiß ich: Wir haben beide versucht, unter enormem Druck die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen.

Und nächste Woche geht es weiter mit dem letzten Teil.

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