Nur kurz vorbeikommen? Warum Besuche für Menschen mit ME/CFS zu viel sein können
„Komm doch wenigstens kurz vorbei.“
Ich weiß, der Satz ist freundlich gemeint. Manchmal fällt er am Telefon, manchmal in einer Nachricht und manchmal im persönlichen Gespräch. Und jedes Mal merke ich, wie in mir sofort etwas ins Stocken gerät. Es geht um Geburtstage. Familienfeiern. Hochzeiten im Freundeskreis.
„Wir feiern nicht groß. Nur 50 Personen.“
Oder: „Nur ein bisschen zusammensitzen.“
Und dann kommt fast immer noch der Satz: „Du musst ja nicht lange bleiben.“ Nur kurz.
Früher habe ich lange darüber nachgedacht. Habe versucht abzuwägen, ob ich es vielleicht schaffen könnte. Auch wenn es von außen oft anders aussieht: Ich würde gerne kommen. Heute ist meine Antwort einfacher geworden. Ich sage Einladungen grundsätzlich ab.
Weil mein Körper solche Situationen nicht mehr aushalten kann.
Schon mehrere Menschen in einem Raum reichen aus, damit mein Nervensystem überfordert ist. Ihre Stimmen, ihre Bewegungen, ihre Gesten, ihre Gerüche. Dazu Geschirr, das klappert, Musik im Hintergrund, der Klang von Gläsern beim Anstoßen.
All das prasselt gleichzeitig auf mich ein.
Dann fühlt es sich an, als würde eine Welle über mir zusammenschlagen. Wenn auch noch Menschen dabei sind, die ich nicht gut kenne, wird es noch intensiver. Mein Körper reagiert sofort. Mir wird schwindelig. Ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Und innerlich gibt es nur noch einen einzigen Impuls: Ich will weg. Sofort.
Das passiert nicht erst nach einer Stunde. Manchmal merke ich es schon nach wenigen Minuten.
Mehr als zwei Menschen gleichzeitig kann ich kaum noch ertragen. Mit meinen Enkeln vielleicht vier – und auch das nur für begrenzte Zeit. Für Außenstehende ist das schwer zu verstehen. Sie sehen nur eine Feier. Für mich ist es eine Situation, in der mein Nervensystem mit Eindrücken überflutet wird.
Den Preis zahle ich später
Und selbst wenn ich früher versucht habe, kurz zu bleiben, kam der eigentliche Preis oft erst später. Wenn ich wieder zu Hause war. Wenn die Eindrücke nachwirkten. Wenn die Kopfschmerzen einsetzten, Gelenke plötzlich schmerzten und die Muskeln ihren Dienst versagten. Wenn mein Körper unaufhaltsam in den Crash rutschte.
Dann wurde aus einem kurzen Besuch ein tagelanger Rückzug in Dunkelheit und Stille. Ein Zustand, in dem selbst einfache Dinge wieder zu viel waren.
Heute weiß ich: Dieser Preis ist zu hoch. Deshalb gibt es für mich dieses „nur kurz vorbeikommen“ inzwischen nicht mehr. Nicht, weil mir die Menschen egal sind.
Sondern weil mein Körper mir Grenzen setzt, die ich nicht mehr verhandeln kann.
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