Immer noch nichts

Immer noch nichts
Photo by Manuel / Unsplash

Immer noch nichts.

Zum dritten Mal heute versuche ich vergeblich, meinen Blog aufzurufen. Jetzt ist er schon fast eine Woche offline.

Als ich am letzten Sonntag mit meinem Sohn telefonierte, sagte er mir, dass eine Festplatte im Server defekt sei. Sie müsse ausgetauscht und der Server neu aufgesetzt werden. Wir gingen beide davon aus, dass spätestens Montag alles erledigt sein würde, auch wenn sehr große Datenmengen verarbeitet werden müssen und die Wiederherstellung entsprechend dauert.

Doch weder Montag noch Dienstag oder Mittwoch tat sich etwas. Auch gestern und heute nicht. Jeden Tag zigmal nachschauen. Dabei Hoffen, Bangen und dann doch die Enttäuschung.

Dabei ist es doch eigentlich „nur“ etwas Technisches. Aber bei ME/CFS gibt es kein „nur“. Alles belastet. Obwohl ich weiß, dass es eine bekannte Ursache gibt und daran gearbeitet wird, merke ich, wie sehr mich diese Situation beschäftigt. Und je länger sie dauert, desto schwieriger wird es für mich, meine Gedanken wieder zu beruhigen.

Da ist die Angst, Menschen zu enttäuschen, die auf einen neuen Beitrag warten. Die vielleicht irgendwann nicht mehr nachsehen, wenn tagelang dort steht: „Website nicht erreichbar“.

Ich weiß, dass ich den Server nicht selbst reparieren kann. Ich weiß auch, dass ein paar Tage ohne neue Beiträge nicht alles zunichtemacht, was ich über Jahre mit Herzblut aufgebaut habe. Trotzdem lassen sich solche Gedanken nicht einfach abstellen, nur weil ich ihre Berechtigung rational einordnen kann.

Dazu kommt, dass Anfang des Jahres bereits ein Sicherheitsvorfall meinen Blog betroffen hat. Und seit ein paar Tagen wird wieder verstärkt über Computerviren und Schadsoftware berichtet. Ich frage mich deshalb, ob Menschen, die von meinem aktuellen Ausfall erfahren, möglicherweise an den damaligen Vorfall denken könnten. Ich kenne die Ursache des jetzigen Problems, aber ich kann nicht kontrollieren, welche Schlüsse andere Menschen daraus ziehen.

Und so kommen zu der tatsächlichen Situation noch all die Fragen hinzu, auf die ich selbst keine Antwort habe.

Vielleicht beschäftigt mich das alles auch deshalb so sehr, weil es ein Gefühl berührt, das ich gut kenne: Hilflosigkeit. Die triggert bei mir relativ zuverlässig Kindheitserinnerungen.

Natürlich ist die heutige Situation eine andere. Ich bin erwachsen, und ein Serverausfall ist nicht mit dem vergleichbar, was ich als Kind erlebt habe. Trotzdem können Gefühle Erinnerungen berühren, die weit über den aktuellen Anlass hinausreichen. Und gerade jetzt fühle ich mich einfach wieder hilflos und ausgeliefert.

Nicht nur in meinen Gedanken und Gefühlen, sondern auch ganz praktisch.

Ich habe mir für meinen Blog eine Arbeitsweise aufgebaut, die zu meinen Möglichkeiten passt. Normalerweise habe ich einen Blogbeitrag fertig, der veröffentlicht werden kann, und bereite parallel den nächsten vor. So habe ich einen gewissen Spielraum und kann mein Schreiben immer an meine Tagesform anpassen.

Jetzt ist dieser Ablauf unterbrochen.

Ich kann nichts einsprechen, nichts korrigieren und keinen Beitrag überarbeiten. Selbst wenn ich die Kraft und die Zeit dafür hätte, komme ich nicht an meine Texte heran.

Das fühlt sich an, als wäre ich ausgebremst worden.

Gleichzeitig steht Ende der kommenden Woche ein wichtiger Arzttermin an. Wir müssen übernachten und Jürgen muss mich insgesamt mehrere hundert Kilometer fahren. Ich weiß, dass ich in den Wochen davor meine Kräfte hierfür gut einteilen und mein Pacing intensivieren sollte. Eigentlich müsste ich mir jetzt besonders viel Ruhe gönnen.

Stattdessen kreisen meine Gedanken nicht nur wie sonst darum, was ich für die Fahrt mitnehmen muss, sondern zusätzlich immer wieder um den Blog. Ich überlege, wie ich mich gegenüber meinen Lesern verhalten soll, ob ich sie informieren sollte und wie lange der Ausfall wohl noch dauern wird.

Gerade ertappe ich mich dabei, dass ich erneut nachsehe, ob die Website wieder erreichbar ist.

Ich möchte mich auf den Arzttermin vorbereiten und meine Kräfte schonen. Aber ein Teil meiner Aufmerksamkeit bleibt bei einer Sache, die ich nicht beeinflussen kann. Die Gedanken tauchen immer wieder auf, beschäftigen mich und lassen mich nach Lösungen suchen. Selbst wenn ich gerade nichts am Problem ändern kann, läuft die Beschäftigung damit weiter.

Und gleichzeitig schimpfe ich mit mir, weil ich ganz genau weiß, wie kontraproduktiv das ist.

Es wäre schön, wenn sich solche Gedanken einfach beiseiteschieben ließen.

Aber so funktioniert es gerade nicht. Ich kann die Situation verstehen, ohne mich deshalb automatisch besser zu fühlen. Ich kann wissen, dass andere Menschen an einer Lösung arbeiten, und trotzdem ungeduldig werden. Ich kann mir bewusst sein, dass ich meine Energie schonen sollte, und trotzdem mit meinen Gedanken immer wieder beim Server landen.

Das ist kein Widerspruch. Es ist das, was ich gerade erlebe.

Im Moment kann ich nicht viel mehr tun, als meine Gedanken aufzuschreiben, abzuwarten und zu versuchen, mit einer Situation zurechtzukommen, die mir mehr abverlangt, als ich erwartet hatte. Kann mir nur wünschen, endlich wieder etwas mehr Ruhe zu finden.

Und hoffen, dass der auf belastende Termine folgende Crash mich diesmal nicht vollends aus der Bahn wirft.

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